Kultusminister Helmut Rau: „100 Jahre sind ein guter Anfang- machen Sie weiter so!“
Kerschensteinerschule Stuttgart Feuerbach feierte Schuljubiläum
Estefania Hoffman und Martin Selch, beide Mitglieder der SMV der Kerschensteinerschule, wussten am Freitag, den 17. Juli 2009 kurz vor 10.00 Uhr nicht so recht, wie ihnen geschah. Da liefen in der Festhalle Feuerbach gerade so viele prominente Leute ein, und in ein paar Minuten sollten sie selbst auf der großen, festlich geschmückten Bühne stehen und vor ca. 350 Zuschauern, darunter vielen Ehrengästen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung, den Festakt moderieren? Und das auch noch im Beisein all ihrer Lehrer, darunter des stets streng auf Sprachkorrektheit bedachten Deutschlehrers?
Kurz nach 10.00 Uhr war das alles vergessen, und die beiden moderierten die Veranstaltung ganz im Stil von Profis. Nachdem sie kurz sich und ihre Ausbildung vorgestellt hatten, baten sie die Schulleiterin Rosemarie Mattes auf die Bühne. Diese begrüßte herzlich ihre vielen Gäste und lud alle zum gemeinsamen Feiern ein. Das Klaus-Graf-Duo, zuständig für die musikalische Untermalung des Festaktes, gab in den Pausen bekannte und beschwingte Jazzstandards zum Besten. Als nächstes baten die beiden Moderatoren Kultusminister Helmut Rau auf die Bühne als denjenigen, „der sich um unsere Bildung bemüht“. Minister Rau nahm den Faden gerne auf und lobte Georg Kerschensteiner, den Namenspatron der Schule, als jemanden, der erkannt hatte, dass das berufliche Können und die persönliche Entwicklung von jungen Menschen nicht nur keine Gegensätze sein müssen, sondern sich vielmehr gegenseitig bedingen. Die Kerschensteinerschule wie auch die anderen beruflichen Schulen im Land machten sich diese Erkenntnis zunutze und leisteten hervorragende Arbeit, die sich national wie international sehen lassen könne. In diesem Sinne wünschte er der Kerschensteinerschule alles Gute mit dem Motto „100 Jahre sind ein guter Anfang – machen Sie weiter so!“
Der offizielle Festredner an diesem Tag, Herr Wilhelm Hachtel, Unternehmer und Geschäftsführer der Firma MHZ, fragte sich, wie es sein könne, dass Deutschland und Baden-Württemberg in den PISA-Studien relativ bescheiden abschnitten. Schließlich sei gerade die Region Baden-Württemberg, was beispielsweise die Anmeldung von Patenten betrifft, im internationalen Vergleich Spitze – und das noch vor der Silicon Valley-Region Kalifornien. Wilhelm Hachtel zog daraus den Schluss, dass das wichtigste Kriterium in der OECD-Studie nicht berücksichtigt werde: die Fähigkeit, gelerntes Wissen in die Tat umzusetzen. Darin seien unsere Schülerinnen und Schüler einfach unschlagbar, wovon er sich jeden Tag in seiner Firma überzeugen könne. Der anschließende Applaus zeigte, dass er seinen Zuhörern aus dem Herzen gesprochen hatte.
Schulbürgermeisterin Frau Dr. Eisenmann, die Vertreterin der Stadt Stuttgart, reihte sich in die Schar der Gratulanten ein und erinnerte an die Anfänge der gewerblichen Schule im Jahre 1909, als der erste hauptamtliche Lehrer für die Gewerbeschule der damals noch selbstständigen Stadt Feuerbach seinen Dienst antrat. Die Entwicklung der gewerblichen Schule Feuerbach zum Kompetenzzentrum Kerschensteinerschule sei einhergegangen mit der unglaublichen Entwicklung Feuerbachs vom Wengerterdorf zum High-Tech-Zentrum. Frau Dr. Eisenmann hatte – nach dem Motto: „Die liebsten Gäste sind diejenigen, die auch noch etwas mitbringen“ - auch noch eine Überraschung in Form einer geldwerten Jubiläumsgabe der Stadt Stuttgart dabei.
Den Abschluss in der Reihe der Redner machte Ursula Schaber-Rupp, Vorsitzende des „Vereins der Freunde der Kerschensteinerschule“, der in diesem Jahre seinen 30sten Geburtstag feiern kann. Auch sie hatte eine Überraschung mitgebracht: ein antiquarisches Buch, das Georg Kerschensteiner von seiner kreativen Seite zeigte: anlässlich des 90sten Geburtstages des bayrischen Prinzregenten Luitpold am 12. März 1911, also kurz nach der Gründung der Kerschensteinerschule, verfasste er ein Huldigungsspiel, das von ca. 2000 Schulkindern aufgeführt werden sollte und in „Gott mit dir, du Land der Bayern“ endete. Er ließ den Text drucken und binden. Sehr zur Freude des Publikums zitierte Frau Schaber-Rupp aus dem handschriftlichen Brief, der dem Exemplar beilag: er beklagte sich bitter, dass sein Werk nicht zur Aufführung kam, weil „die Umgebungstrottel gefürchtet haben, es möchte den Regenten zu stark angreifen“.
Martin und Estefania, sichtlich erleichtert, hatten nun nur noch eine, wenn auch sehr angenehme Aufgabe: Sie luden alle Gäste zum Empfang in die Schule ein.
Die Klasse 2 MB des Berufskollegs Mode und Design hatte sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen: in selbst genähten historischen Kostümen standen sie den Ehrengästen für die wenigen Schritte zur Schule Spalier. In der Schule angekommen, gab es einen Stehempfang mit Imbiss. Die Gäste nutzten die Gelegenheit, um sich untereinander auszutauschen und sich einen Eindruck von der Vielfalt der beruflichen Bildung in der Kerschensteinerschule zu machen. Dort hatte man sich seit zwei Jahren darauf vorbereitet und zeigte den Gästen im Erdgeschoss der beiden Schulgebäude ein eindrucksvolles Panoptikum ihrer Möglichkeiten. Vom Kräuterweiblein zur Stilberatung, von der Robotik zum Ledersessel: die Schülerinnen und Schüler, gut vorbereitet von den Lehrkräften der Kerschensteinerschule, legten sich gewaltig ins Zeug und verblüfften viele Interessierte mit ihren nicht nur fachlichen Kompetenzen. Als der Nachmittag anbrach, neigte sich der offizielle Teil des Programms dem Ende zu.
Um 16.00 Uhr eröffnete Schulleiterin Rosemarie Mattes das Schulfest mit einer kurzen Begrüßung. Alle Schülerinnen und Schüler und alle Lehrkräfte mit ihren Familien waren eingeladen, den Geburtstag in einem entspannten Rahmen zu feiern. Aber ein Jubiläum wäre nicht vollständig ohne die Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, die in der Vergangenheit in der Schule aus- und eingegangen sind. Der Verein der Freunde hatte zum großen Ehemaligentreffen eingeladen und sehr viele sind gekommen. Natürlich gab es viel zu erzählen, und wenn die Kehle etwas trocken wurde, konnte man sich mit Getränken und Speisen stärken oder sich vom abwechslungsreichen Programm unterhalten lassen. Den Anfang machte die erst kürzlich gegründete Lehrerband mit dem Namen „Gesangslehrerkonferenz“, die sehr professionell Gassenhauer der letzten 40 Jahre zum Besten gab und entsprechend gefeiert wurde.
Vor allem für die Kinder war der Auftritt des bekannten Feuerbacher Zauberers Doctor Marrax gedacht, der aber auch viele Erwachsene mit seinen im besten Sinne des Wortes altmodischen Gauklerstückchen bezauberte. Danach wurde es sehr voll auf der Bühne: die Hornblower Bigband besteht aus 20 Musikerinnen und Musikern; darunter waren natürlich vor allem Blasinstrumente stark vertreten. Schnell brachten sie das Publikum mit ihren schmissigen Jazz-Arrangements zum „ Swingen“.
Nach einer kleinen Umbaupause war der Abend angebrochen, und die Stuttgarter Band Hitboutique betraten die Bühne. Ihre Originalität und ihr Können hatte sich unter anderem auch schon bei Harald Schmidt rumgesprochen, der sich die Band für die Musical-Interpretation des altbekannten Shakespeare-Stoffes „Hamlet“ in den Orchestergraben geholt hatte. Die aparte Sängerin Lea stellte ihre Mitstreiter, den „wilden“ Max, den „schönen“ Matthias und den „starken“ Andreas vor. Dann legten sie mit ihren jazzigen Neuinterpretationen bekannter Lieder los, dass es eine Freude war. Noch nie zuvor hatte man Lieder wie den Kiss-Klassiker „I was made for loving you“ oder Deep Purple`s „Smoke on the water“ so gehört, und nicht oft hat man das Vergnügen mit solch einer handwerklich wie künstlerisch absolut professionellen und sympathischen Band. Um 21.00 Uhr musste Hitboutique die Bühne räumen, denn nun war die SMV dran mit der Schülerdisco.
Martin und Estefania waren übrigens auch noch aktiv: beide hatten die SMV-Disco mit organisiert und hielten zu diesem späten Zeitpunkt immer noch die Stellung. Kultusminister Helmut Rau und Wilhelm Hachtel hätten sich bestätigt gefühlt: Mit solchen Schülerinnen und Schülern muss uns um die Zukunft wirklich nicht bange sein.
Thomas Gehrig
Kerschensteinerschule